Interview mit Igor Yusufov: Europa bleibt wichtiger Markt für russisches Gas

Über die Rolle von Ga2s im europäischen Energiemarkt der Zukunft gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Europa ist auf dem Weg in die Dekarbonisierung. Aus Gründen des Klimaschutzes soll die Energieversorgung in Zukunft vor allem auf erneuerbare Energien umgestellt werden. International gilt Gas weiterhin als zentraler Energieträger, dessen Förderung sogar noch ausgebaut werden wird. Im Interview mit der Zeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft erläutert der frühere russische Energieminister und Gründer des Investmentunternehmens Energija Igor Yusufov die russische Sicht auf den Gasmarkt in Deutschland und Europa bis 2050. 

Sowohl in der Europäischen Union als auch in Russland wird in den nächsten Jahren der Bedarf an Strom und Wärme weiter steigen, so die Einschätzung von Yusufov. Dabei würden alternative Quellen zum Einsatz kommen. Aber Gas werde als Energieträger weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Russland sei bereit, den deutschen Gasbedarf zu decken.

Als Hauptversorgungsrouten sieht Yusufov den Pipelinetransport. Am 1. Januar 2017 lieferte die Pipeline Nord Stream ein Rekordvolumen rund 160,75 Millionen Kubikmeter Erdgas. Diese Route wird für den europäischen Markt stark nachgefragt. Da die wachsende deutsche Wirtschaft in Zukunft noch mehr Gas benötigen werde, stehe Nord-Stream-2 eindeutig auf der Agenda. Als weiterer Transportweg komme die Turkish Stream hinzu: Vier 1100 km lange Rohre sollen im Schwarzen Meer die südrussische Küstenstadt Anapa mit der Türkei verbinden. Der Offshore-Teil wird 910 km lang sein, der Onshore-Teil innerhalb der Türkei rund 180 km. Russisches Erdgas wird derzeit über die Pipeline Blue Stream auf direktem Weg in die Türkei geliefert. Mit Turkish Stream würde sich die heutige Transportkapazität von 16 Millionen Tonnen Erdgas pro Jahr deutlich vergrößern.

Neben dem Pipelinegas produziert Russland auch LNG auf der Halbinsel Sachalin. Eine weitere LNG-Anlage wird auf der Jamal-Halbinsel gebaut, wo auch die von Yusufov gegründete Energija-Stiftung tätig ist. Zur Diversifizierung der Absatzmärkte werden derzeitige weitere Projekte untersucht, die auf die rasch wachsenden asiatischen Märkte ausgerichtet sind.

Derzeit seien bei Gazprom rund 138 neue Gasvorkommen in der Exploration, sie liegen vorwiegend im Ural, im Fernen Osten, an der Wolga sowie in Offshore-Gebieten im Norden des Landes. Darüber hinaus nimmt Gazprom an Gas- und Erdölförderprojekten in mehr als 10 Staaten teil, unter anderem in Großbritannien und den Niederlanden, in Algerien, Venezuela, Bolivien, Libyen und dem Irak. Außerdem könnte sich der Weltmarktführer Rosneft zum wichtigen Akteur auf dem Gasmarkt weiter entwickeln. Im Dezember 2016 erwarb Rosneft 30% der Shorouk-Konzession im Ägyptischen Offshore-Gebiet, berichtet Yusufov.

Auch weltweit sieht Yusufov weiterhin hohen Investitionen in fossile Energieträger. Nach seiner Einschätzung werden die USA in eine Wiederbelebung der Kohleindustrie setzen und in die Suche nach „sauberen“ Kohleförderungstechnologien investieren. Neue alternative Energiequellen bräuchten ebenfalls solche Forschungen, denn die Kosten in diesem Bereich seien immer noch hoch. Die Lösung liege in einer vernünftigen Balance zwischen traditionellen und neuen Energiequellen.

Das vollständige Interview ist in ew 5/2017 erschienen.

Bildquelle: A. Turbin