Bilanz zum Jahresauftakt: Eine Krise bewältigt – aber zentrale Fragen bleiben

Dr. Hans-Jürgen Brick, CEO, Amprion, Andreas Feicht, CEO, RheinEnergie, Merlin Lauenburg, Managing Director, Tibber, Andreas Schell, CEO, EnBW diskutieren über den Bedarf an Kraftwerkskapazitäten in Deutschland.  Copyright: Handelsblatt-Energiegipfel / Marc-Steffen Unger

Zum Jahresbeginn trifft sich die Energiebranche auf dem Handelsblatt-Energiegipfel in Berlin, um Bilanz zu ziehen. 2024 fällt diese oberflächlich betrachtet gut aus: Die Energiekrise im Winter 2022/2023 wurde gemeistert und erneuerbare Energien haben 2023 erstmals über die Hälfte des Stroms produziert. Um die Energieversorgung langfristig zu sichern, braucht es allerdings vor allem neue Kraftwerke, Stromnetze und Lieferverträge für den Import von Flüssiggas (LNG) und längerfristig Wasserstoff.

Immer mehr Strom wird mit Solar- und Windanlagen produziert. Die gute Nachricht für den Klimaschutz hat allerdings eine Schattenseite: Die Angst vor einer Dunkelflaute wächst.  Das sind Zeiten, in denen es dunkel und windstill ist. Im Winterhalbjahr kann dies bei Hochdruckwetterlagen in großen Teilen von Europa gleichzeitig über mehrere Tage oder Wochen der Fall sein.

Um schwierige saisonale  Wetterphasen zu überbrücken, werden weiterhin thermische Kraftwerke benötigt. Diese sollten aber möglichst wenig CO2 emittieren. Dafür kommen Gaskraftwerke und perspektivisch auch Wasserstoffkraftwerke in Betracht. Für Investoren fehlt allerdings ein Business Case: Da zu erwarten ist, dass die Kraftwerke als Reserve nur wenige Betriebsstunden in Aussicht haben, rechnet sich die Investition nicht.

Staatliche Förderung für Kraftwerke in Vorbereitung

Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz kündigt eine Kraftwerksstrategie beim Handelsblatt Energiegipfel 2024 an. Copyright: Handelsblatt Energiegipfel / Marc-Steffen Unger

Über eine staatliche Förderung der Kraftwerksinvestitionen diskutiert die Energiebranche seit 2013. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kündigte nun auf dem Energiegipfel an, dass sein Haus in Kürze eine Kraftwerksstrategie dazu veröffentlichen werde. Er verwies dabei auf die Vorgaben der EU, die an neue Gaskraftwerke die Anforderung stelle, dass diese auch zu einem späteren Zeitpunkt auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Wichtig ist nach Einschätzung der Netzbetreiber aber nicht nur, dass Kraftwerke gebaut werden, sondern auch wo diese den Strom einspeisen. Hans-Jürgen Brick, CEO des Übertragungsnetzbetreibers Amprion betonte, dass die Kraftwerksstandorte entscheidend für die Stabilität des Stromnetzes sein. Um die vorhandenen Netzstrukturen weiter nutzen zu können, sollten neue Kraftwerke dort gebaut werden, wo alte Anlagen abgeschaltet werden.

Andreas Schell, CEO von EnBW Energie Baden-Württemberg verwies auf einen weiteren Vorteil: Genehmigungen für den Neubau von Kraftwerken seien an bekannten Standorten leichter zu bekommen, da die Akzeptanz in der Bevölkerung höher sei. Für Baden-Württemberg komme es zudem darauf an, die Industriestandorte mit ausreichend Strom zu versorgen.

Stromimporte sind keine Alternative für fehlende Kapazitäten

Solange keine neuen Kraftwerkskapazitäten entstehen, richtet sich der Blick auf mögliche Alternativen. In diesem Zusammenhang warnte Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Rheinenergie in Köln davor, sich auf die Stromimporte aus den Kraftwerken der Nachbarländer zu verlassen. Die Kraftwerksparks in Frankreich, Belgien, den Niederlanden oder Polen sei keinesfalls jünger als in Deutschland. Auch in diesen Ländern stelle sich die Frage nach Neuinvestitionen.

Feicht verwies zudem auf die wirtschaftlichen Auswirkungen von Stromimporten. Wenn Deutschland sich allein auf den Ausbau von Solar- und Windanlagen konzentriere, würde das bedeuten, dass billiger Überschussstrom exportiert werde. Bei fehlender Erzeugung in Deutschland müsse aber teureren Strom aus den Nachbarländern importiert werden. Damit finanziere Deutschland die Investitionen in den Nachbarländern, ohne direkt an den Anlagen beteiligt zu sein.

Haushalte heizen wieder normal

Die Energiekrise des vergangen Winters gilt in der Branche als gemeistert. Ein Faktor war, dass im letzten Winter in Deutschland insgesamt weniger Energie als in den Vorjahren verbraucht wurde. Ein Teil der Ersparnis wurde von den Haushalten erbracht, die weniger geheizt haben.  Christian Deilmann, Mitbegründer und Geschäftsführer des Raumklima-Unternehmens Tado führte aus, dass in diesem Winter wieder normal geheizt würde, auch weil die Energiepreise wieder gesunken sind.

Über die Gründe des gesunkenen Energieverbrauchs in der Industrie gab es nur Vermutungen.  Möglich sei, dass die Produktion zurückgefahren wurde, weil auf andere Standorte verlagert wurde oder insgesamt in der schwachen Weltkonjunktur weniger nachgefragt werde.

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