Sonnen-Energie der anderen Art: Kernfusion

Wer im Sommer der Frage nachgeht, woher die Hitze kommt, landet letztlich bei der Kernfusion. Ob Energiegewinnung wie auf der Sonne auch auf der Erde möglich ist, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Ende 2022 gelang ein Durchbruch mit einer sich selbst tragenden Kernfusionsreaktion im Labor. Seitdem wächst die Hoffnung, auf eine neue Weise emissionsarm Strom zu erzeugen. Das Akademienprojekt ESYS – Energiesysteme der Zukunft hat den aktuellen Stand der Forschung analysiert und in der Publikation ESYS-Impuls: „Kernfusion als Baustein einer klimaneutralen Energieversorgung? Chancen, Herausforderungen, Zeithorizonte“ veröffentlicht. Darin dämpfen die Autoren die Erwartungen auf eine schnelle Umsetzung, halten aber langfristig Kernfusionskraftwerke nicht für unrealistisch.

Ziel der Kernfusionsforschung ist eine klimafreundliche und kontinuierlich verfügbare Energiequelle mit geringem Flächenbedarf und aus vor Ort verfügbaren Brennstoffen. Ein Fusionskraftwerk funktioniert ähnlich wie ein Wärmekraftwerk. Anstelle einer Verfeuerung eines Brennstoffs sorgt ein Fusionsreaktor für die nötige Energie. Eine Kernfusion benötigt zum Start viel Energie, soll letztlich aber mehr liefern als eingesetzt wird.

Verschmelzung von Atomkernen im Plasma

Technisch funktioniert der Fusionsprozess so, dass Atomkerne mit einer geringen Anzahl an Nukleonen miteinander verschmolzen werden. Es entstehen Elemente mit einer höheren Nukleonenanzahl und damit einer höheren Bindungsenergie im Kern. So können beispielsweise zwei Wasserstoff-Atomkerne zu Helium-Atomkernen fusionieren.

Um diesen Prozess zu starten, sind Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius nötig: Im Aggregatzustand eines Plasmas liegen Atome in ionisierter Form vor und Elektronen sind frei beweglich. Bei niedrigeren Temperaturen verhindern hingegen Abstoßungskräfte, dass die Kerne miteinander zu einem neuen Element verschmelzen.

Vorteile im Vergleich zur Kernspaltung

Gegenüber der bisher in Kraftwerken betriebenen Kernspaltung hat eine Fusion einen sicherheitstechnischen Vorteil: Eine unkontrollierbare Kettenreaktion wird ausgeschlossen. Sobald Temperatur oder Druck zu gering sind, erlischt die Kernfusionsreaktion innerhalb kürzester Zeit.

Kernfusion und Kernspaltung im Vergleich

Quelle: ESYS

Die Idee der Kernfusion ist nicht neu. Allerdings gelang es Ende 2022 erstmals an der National Ignition Facility in Kalifornien, eine Kernfusion im Labor zu realisieren, bei der mehr Energie gewonnen werden konnte, als zuvor für den Start in die Reaktorkammer eingebracht wurde. Die physikalischen Prozesse gelten seitdem als verstanden. Allerdings muss die Menge an eingesetzter Energie im Verhältnis zum Output für eine wirtschaftliche Anwendung noch deutlich effizienter werden.

Zudem sind bis zu einem Einsatz für die Energieerzeugung noch weitere Probleme zu lösen: Dazu gehört insbesondere die Bereitstellung des Brennstoffs Tritium und die Entwicklung von Materialien, die hohen Temperaturen und einen Neutronenbeschuss standhalten. Außerdem werden hochleistungsfähige Laser oder effiziente Hochfeldmangnetspulen benötigt.

Vier Start-ups forschen in Deutschland

ESYS beobachtet aktuell eine beschleunigte Dynamik in der Kernfusionsforschung. Immer mehr Unternehmen und Start-ups engagieren sich in diesem Bereich. Derzeit existieren 43 Start-ups, von denen die meisten in den USA ansässig (25) sind, gefolgt von Europa (9), Asien (5) sowie Australien, Israel, Kanada und Neuseeland (jeweils 1). Auch in Deutschland beschäftigen sich Start-ups mit der Anwendung der anspruchsvollen Technologie.

Startups im Bereich Kernfusion in DeutschlandQuelle: ESYS
Verschiedene Verfahren – unterschiedliche Eigenschaften

Eine Kernfusion lässt sich mit verschiedenen Verfahren erreichen. Der Einsatz eines Stellarators hat sich dabei als besonders vielversprechende Technologie entwickelt, so dass auch größere Industrieunternehmen in ganz Europa Investitionen tätigen: Der Stellerator zeichnet sich durch eine besondere Skalierbarkeit bei der Kernfusion aus und macht die Anwendung in einem Großkraftwerk wahrscheinlicher als das alternative Tokamakverfahren, was nicht im Dauerbetrieb möglich ist.

Funktionsweise von Tokamak- und Stellaratorverfahren.Quelle: ESYS

In den USA wird mit der Trägheitsfusion über einen Laser ein weiteres Verfahren voran getrieben.

Prozess des Trägheitsverfahrens 
Quelle: ESYS

Ob eines der Verfahren künftig in einem Kraftwerk zum Einsatz kommen wird, ist noch offen:

„Die Kernfusionsforschung bewegt sich im Bereich der Grundlagen- und

teilweise der angewandten Forschung. Ein finales Kraftwerkskonzept gibt

es noch für keines der beiden Fusionskonzepte.“

ESYS-Impuls: „Kernfusion als Baustein einer klimaneutralen Energieversorgung? Chancen, Herausforderungen, Zeithorizonte“

Ein möglicher Betrieb von Kernfusionskraftwerken liegt nach Einschätzung der Studie noch mindestens zwanzig bis dreißig Jahre in der Zukunft. Zunächst geht es um den Aufbau von Pilotanlagen.

Abgesehen von den technischen Fragen der Anlage, gibt es auch ökonomische Unsicherheiten zum wirtschaftlichen Betrieb und der Rolle von Großkraftwerken, die kontinuierlich liefern, während ein Großteil der Anlagen nach den Gegebenheiten von Sonne- und Wind produziert. Diese Aspekte sind für mögliche Kraftwerksinvestoren ebenfalls relevant.

Insgesamt erwartet ESYS von der Kernfusion kurzfristig keinen Beitrag, um die Klimaziele in Deutschland zu erreichen:

„Langfristig könnte die Kernfusion Strom in einem klimaneutralen Energiesystem bereitstellen, die Importabhängigkeiten verringern und beispielsweise zur Wasserstofferzeugung genutzt werden. Bis zu einem ersten regulären Kraftwerk ist es jedoch noch ein weiter Weg.“

ESYS-Impuls: „Kernfusion als Baustein einer klimaneutralen Energieversorgung? Chancen, Herausforderungen, Zeithorizonte“

Wissenschaftsverbund sucht Lösungen für die Energiewende

Im Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) erarbeiten mehr als 160 Fachleute aus Wissenschaft und Forschung Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung. Die Initiative unter Federführung von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in Zusammenarbeit mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften wurde im April 2013 gestartet und wird bis Dezember 2024 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Bildquelle: ESYS-Impuls: „Kernfusion als Baustein einer klimaneutralen Energieversorgung? Chancen, Herausforderungen, Zeithorizonte“

Maschinenraum der Energiewende: Regelbarkeit im Niederspannungsnetz

Einbau eines regelbaren Ortsnetztrafos. Quelle: MR Reinhausen

Ein Zubau von Solar- und Windanlagen allein macht noch keine Energiewende. Entscheidend ist, dass die Anlagen über ein Netz gemeinsam agieren. Für diese anspruchsvolle Aufgabe muss das bestehende Stromnetz umgebaut werden. Eine technische Lösung zur Steuerung der Niederspannungsebene bietet der regelbare Ortsnetztrafo. Die Geräte sind seit einigen Jahren am Markt aber noch nicht flächendeckend verbaut. Auf der Branchenmesse „e-World“ Anfang 2024 in Essen haben Unternehmensvertreter von ihren Erfahrungen mit den Anlagen berichtet. Ein ausführlicher Beitrag ist dazu in der Zeitschrift ew – Magazin für die Energiewirtschaft erschienen. 

Seit rund 15 Jahren sind die Betreiber der Stromverteilnetze massiv gefordert, Kapazitäten auszubauen und neue Kundenanlagen anzuschließen. Denn  Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Ladestationen für E-Mobilität bringen neue Anforderungen mit sich, für die die konventionellen Strukturen nicht ausgelegt sind.

Regelbare Ortsnetztrafos können weitere Kapazitäten erschließen

Mit einem Austausch einzelner Betriebsmittel innerhalb der Netzinfrastruktur lässt sich die Kapazität des Netzes erhöhen, ohne zusätzliche Leitungen zu verlegen.  So können durch einen Austausch der Transformatoren in den Ortsnetzstationen weitere Netzkapazitäten erschlossen werden. Solche neuen Regelbaren Ortsnetztrafos (rONT) werden schon von vielen Netzbetreibern eingebaut, sind aber noch nicht überall vorhanden.

Im Gegensatz zu einer Tiefbaustelle wird ein  Austausch eines Ortsnetztransformators wird in Öffentlichkeit kaum bemerkt: „Der rONT kann in eine bestehende Ortsnetzstation innerhalb eines Tages integriert werden. Dadurch kann der Betreiber in relativ kurzer Zeit das Verteilnetz modernisieren. Im Februar 2024 haben wir den 10.000sten rONT der dritten Generation ausgeliefert. Mehr als 150 Trafohersteller haben ihn bereits verbaut, und über 300 Betreiber weltweit setzen ihn ein“, berichtet Armin Vielhauer, Maschinenfabrik Reinhausen.

Die Grundidee: Das Internet of Things

Gut 15 Jahre liegen die Anfänge des rONT zurück. Damals galt das Internet of Things als bahnbrechendes System der Zukunft. Etwas ähnliches wurde auch für das Stromnetz gesucht, so dass sich dezentrale Anlagen automatisiert regeln können. Denn seit 2009/2010 ist es deutlich anspruchsvoller geworden, Spannungsqualität im Verteilnetz zu erhalten. Bereits zu dieser Zeit gab es durch die Förderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzt einen steigende Nachfrage nach zusätzlichen Netzanschlüssen für Photovoltaik und Windanlagen.

In Feldversuchen wurde 2009 erstmals die Wirksamkeit von regelbaren Ortsnetztransformatoren nachgewiesen. Bei diesen Pilotprojekten kamen noch konventionelle Stufenschalter in Ölschalttechnik zum Einsatz. Der Pilot wurde liebevoll „Lord Helmchen“ genannt und die Gestalt erinnerte mit einer Höhe von etwa 1,5 m an einen großen Hydranten. Mit diesen Abmessungen war der Schalter nur in sehr großen Transformatoren einsetzbar.

Der rONT passt in die vorhandenen Gebäude

Inzwischen ist die dritte Weiterentwicklung auf dem Markt. Das Bauvolumen und Gewicht wurde erheblich reduziert. Damit passt der Schalter in die bestehenden Gebäude. Aus dem Forschungsprojekt ist ein Standardbetriebsmittel geworden: „Inzwischen ist der Welt klar, was ein rONT tut. Die Technologie ist ausgeforscht und wird weltweit exportiert,“ berichtet Vielhauer.

Ausgeforscht: Branchenexperten zwischen dem Ausgangsentwurf „Lord Heimchen“ und dem heutigen rONT.

Die Netzbetreiber EAM und Avacon blicken zufrieden auf die gelungene Einführung der neuen Technologie. Aus Sicht von EAM werde dieses durch die hohe Zuverlässigkeit unterstützt. Um den rONT einzuführen, war im Unternehmen eine Änderung von Planungsrichtlinien notwendig und eine Begleitung der Inbetriebnahme durch einen Spezialisten.

Neue Technik findet Akzeptanz der Praktiker

Um Vorbehalte der Mitarbeiter gegenüber der neuen Technik abzubauen, wurden Pilotprojekte realisiert, Mustergeräte gefertigt und die Erkenntnisse daraus innerhalb geteilt. Der rONT trifft auch in anderen Ländern auf Interesse, die ihre Energienetze transformieren wollen. Aus Österreich berichtet Michael Pink, Kärnten Netz, dass die Technik bisher erst selten eingesetzt wird, aber die Notwendigkeit, das Netz auszubauen gleichermaßen vorhanden ist.

Technische Entkopplung der Netzebenen

Rein technisch wird über den rONt das Niederspannungsnetz vom Mittelspannungsnetz entkoppelt und der letzte Spannungsregelpunkt vom Umspannwerk in die Ortsnetzstation verlagert. Dabei funktioniert der rONT so, dass eine Steuer- und Regeleinheit kontinuierlich die Sekundärspannung misst. Ein Stufenschalter erhält ein Signal, um das Übersetzungsverhältnis anzupassen.

Der Vorteil des neuen Systems liegt darin, dass im Vergleich zur konventionellen Netzplanung deutlich größere Spannungsschwankungen sowohl in der Mittel- als auch Niederspannungsnetzen zulässig sind. Das lässt sich die Aufnahmekapazität für zusätzliche Lasten und Einspeiser erhöhen.

Option: Netzsteuerung von Lasten

Eine zusätzliche Option des rONT ist, dass sich die Steuer- und Regeleinheit mit SCADA-Systemen verbinden. So ist auch eine komplexere Netzsteuerung möglich und wichtige Betriebsparameter und Messwerte stehen nunmehr für Netzführungszwecke online zur Verfügung. Auch wenn bisher nicht jeder individuelle rONT gesteuert wird, ist diese Möglichkeit die Basis für eine künftige Steuerung von Lasten im Sinne nach § 14 a des Energiewirtschaftgesetzes.

www.reinhausen.com

Bildquelle: MR Reinhausen

Der vollständige Beitrag ist in ew 5/2024 erschienen.