Resilienz: Ein erweiterter Blick auf die Energiewende

Das Bedürfnis nach mehr Sicherheit verändert den Blick auf die Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien. In der Energiecommunity werden Chancen gesehen, aber auch Risiken und nötige Anpassungen diskutiert. Auch der Jahreskongress der Deutschen Energie-Agentur (dena) Anfang November 2025 hat dem Thema mehrere Paneldiskussionen gewidmet. Dabei wurde deutlich, welche unterschiedlichen Aspekte von Versorgungssicherheit und Resilienz zu berücksichtigen sind.

Investitionen in die Energiewende bringen neben dem Klimaschutz noch weitere Vorteile: Denn für Krisenzeiten bieten Dezentralität und lokale Verfügbarkeit von Energiequellen die Chance, das System resilienter und anpassungsfähiger machen. Aber auch eine Stromerzeugung aus Sonne und Wind ist nicht per se ohne Risiken.

Keynote von Bundesumweltminister Carsten Schneider

Auf dem dena-Energiewendekongress betont Bundesumweltminister Carsten Schneider in seiner Keynote, dass erneuerbare Energien die günstigste und nachhaltigste Energieform seien, die zudem Wertschöpfung im Inland generierten. Das trage dazu bei, die Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten und Abhängigkeiten zu reduzieren.

 

Corinna Enders, Vorsitzende der dena-Geschäftsführung. Bildquelle: dena/photothek

Corinna Enders, Vorsitzende der dena-Geschäftsführung, spricht sich dafür aus, Innovation mit Sicherheit und Resilienz zu verbinden: „Es braucht jetzt Planungs- und Investitionssicherheit sowie den politischen Willen, Resilienz zur strategischen Priorität zu machen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir Netz-, Speicher- und Flexibilitätsausbau mit Cybersicherheit und dem Schutz kritischer Infrastruktur zusammen denken.“

Abhängigkeiten genau analysieren

Die Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Kira Vinke beschreibt anlässlich des dena-Energiewende-Kongresses die aktuelle Situation wie folgt: „Geopolitische Krisen schlagen sich auf Deutschlands Energiesicherheit nieder. Gleichzeitig kann der Kauf von Öl und Gas aus dem Ausland autokratische Regime stärken. Dieses Geld sollte für inländische Investitionen genutzt werden.“

Sorgen bereiten den Experten insbesondere Gefahren durch Cyberangriffe, Abhängigkeiten von Rohstoffen und globalen Lieferketten. „Souveränität bedeutet für Deutschland den Ausbau heimischer erneuerbarer Energien, eine engere Zusammenarbeit in der EU und den Schutz kritischer Energieinfrastruktur. Dazu gehörten auch strategische Rohstoffpartnerschaften“, erläutert Vinke.

Um den Risiken besser begegnen zu können, bedarf es einer tiefergehenden Analyse und konkreten Anpassungsmaßnahmen. Der Hersteller von Windanlagen Siemens Gamesa beschäftigt sich intensiv mit der Herkunft und damit möglichen Verfügbarkeit der einzelnen Komponenten. Senior Vice President of Operations, Carina Brehm, nennt Beispiele: So würden für die Gondel Magnete benötigt, die aus China importiert werden. Auch die Grundmaterialen für die Rotorblätter kommen zum großen Teil aus China. Insgesamt ergebe sich aus der Abhängigkeit ein mittleres Risiko für die Produktion.

Alexandra von Bernstorff und Carina Brehm  geben Einschätzungen zu den Risiken von Lieferketten. Bildquelle: dena/photothek

Alexandra von Bernstorff, geschäftsführende Gesellschafterin, Luxcara, plädiert dafür, Risiken bewusst zu unterscheiden und zu managen. Dazu gehöre die IT-Sicherheit ebenso wie eine Diversifizierung bei den Importen von seltenen Erden. Oberflächliche Diskussionen seien hingegen wenig zielführend. Ein Beispiel seien die Diskussionen über Gefahren von Wechselrichtern aus China für den Betrieb von Photovoltaikanlagen. Auch wenn dies Importe aus dem gleichen Land seien, seien die Geräte unterschiedlich. In China gebe es sehr viele Hersteller von Wechselrichtern, was es für Hacker schwieriger mache, alle gleichermaßen anzugreifen.

Engmaschigkeit und Schwarzstartfähigkeit von Stromnetzen

Für Stromnetzbetreiber stellt sich die Frage nach zusätzlichen Schutzmaßnahmen gegen physische und virtuelle Angriffe auf das Stromnetz. Stefan Kapferer, Vorsitzender der Geschäftsführung, 50Hertz Transmission, sieht eine Kombination großer Stromtrassen für Gleichstrom und den zusätzlichen Ausbau einem kleinmaschigen Stromnetz für Wechselstrom einen Betrag zu mehr Sicherheit. Nach den sogenannten (n-1)-Bedingungen werde das Netz so ausgelegt, dass ein Ausfall einer Komponente durch das System aufgefangen werde. Gegen eine Bedrohung durch Cyberattacken könne eine gemeinsame Cloud-Lösung der Netzbetreiber schützen.

Stefan Kapferer erläutert Resilienz in den Stromnetzen. Bildquelle: dena/photothek

Im Falle eines großflächigen Stromausfalls komme es darauf an, das System möglichst schnell wieder aufzubauen. Für diese sogenannte Schwarzstartfähigkeit wurden bisher Kohlekraftwerke vorgehalten. Auf der Suche nach Alternativen habe sich ein Pilotprojekt mit Offshore-Windenergie habe sich als erfolgreich erwiesen, berichtet Kapferer. Auch Batteriespeicher könnten hierzu eingesetzt werden.

Ein weiterer Aspekt von Resilienz betreffe die Reservehaltung von Ausrüstung, Materialien und Anlagetechnik. Zusätzlich zu Ersatzvorräten stelle sich insbesondere die Frage nach dem Schutz von Transformatoren. In der Ukraine sei es inzwischen üblich, Transformatoren einzuhausen, um sie gegen Geschosse zu sichern, berichtet Kapferer. Viele Schäden dort seien durch Lieferung von Ersatztransformatoren aus anderen europäischen Ländern repariert worden.

Gesetzliche IT-Sicherheitskataloge für Unternehmen

Auch für die Bundesnetzagentur (BNetzA) ist Sicherheit ein wichtiges Anliegen. Vizepräsidentin Barbie Kornelia Haller verweist angesichts der Volatilität des Stromsystems auf die Notwendigkeit einer schnelleren Reaktion aller Akteure. Für dezentrale Prozesse sei eine abgesicherte Informationstechnologie Voraussetzung. Dazu sollen auch die gesetzlichen Vorgaben mit dem KRITIS-Dachgesetz und die NIS2-IT-Sicherheitskataloge beitragen.

Barbie Haller kündigt erweiterte Sicherheitsanforderungen an Akteure im Energiemarkt an.

„Cybersicherheit ist vielschichtig und einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess unterworfen“, so Haller. „Aktuell besteht die Cybersicherheitsregulierung vornehmlich aus organisatorischen und technischen Anforderungen und Zertifizierung in der Fläche sowie dem Schutz vor nicht-vertrauenswürdigen Herstellern. Zukünftig werden die Anforderungen auf weitere Akteure im Energiemarkt ausgeweitet und ein Rahmen geschaffen, um Systemschäden zu minimieren.“ Aus Sicht der BNetzA schaffe eine gute Cybersicherheitsregulierung Transparenz für Unternehmen, mache schnelle technologische Anpassungen möglich und so die Energiewende besser umsetzbar.

www.dena.de

Digitalisierung heizt ein: Nahwärme aus dem Rechenzentrum

In Berlin-Spandau wird ein neues Quartier gebaut: Auf einer Konversionsfläche entstehen 4.500 Wohnungen, 200 Gewerbeeinheiten, Kitas und Schulen. Für die Wärmeversorgung ist Nahwärme aus einem benachbartes Rechenzentrum vorgesehen. Das Projekt setzen die Unternehmen GASAG Solutions und ENGIE mit einem Joint Venture, dem Quartierswerk, um. Im Interview für die Zeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft, Ausgabe 7-8 / 2025 erläutern Günter Eggers, Director Public von NTT Global Data Centers EMEA und Johann Cavar, Geschäftsführer, Quartierswerk das klimafreundliche Wärmekonzept. 

Rechenzentren sind die Grundlage der Digitalisierung und der Bedarf an Serverleistung steigt weiter. Die Rechner arbeiten rund-um-die Uhr in relativ unauffälligen Gebäuden auch in mitten der vorhandenen Siedlungsstrukuren. IT-Systeme produzieren neben der Rechenleistung auch sehr viel Wärme und benötigen permanente Kühlung.

IT-Geräte produzieren Wärme

Der Kältebedarf der IT-Geräte hängt davon ab, wieviel die Prozessoren, Speicher und alle elektronischen Bauelemente leisten müssen. In Deutschland werden Rechenzentren überwiegend mit Luft gekühlt: Die Server enthalten Lüfter, mit denen sie kalte Luft ansaugen.

Ein großer Anbieter für die Server-Gebäude ist das Unternehmen NTT-DATA, das seit 2001 große Colocation-Rechenzentren in Deutschland betreibt. Die Mieter erhalten eine Infrastruktur  für den Betrieb von Servern mit  Stromversorgung, Kühlung und Sicherheit. In Berlin-Spandau läuft das Rechenzentrum von NTT-DATA seit ca. 17 Jahren mit einem kontinuierlichen Strombedarf und hatte seit 2007 null Minuten Wartungsfenster.

Das bedeutet eine sehr kontinuierliche Wärmeerzeugung, unabhängig von den Witterungs- und sonstigen Rahmenbedingungen. Die benötigte kalte Luft wird im Gebäude bereitgestellt. Dazu wird die warme Luft aus den IT-Räumen in der Kältezentrale herunter gekühlt und dem Kreislauf wieder zugeführt.

Günther Eggers, NTT DATA

„Die Wärme wird bisher wie in den meisten anderen Rechenzentren auch an die Außenluft abgegeben. Seit knapp 25 Jahren nutzen wir deutschlandweit einen Teil der entstehenden Wärme zum Beheizen unserer Büros sowie zum Vorwärmen der Anlagen für die Notstromversorgung. Denn Dieselgeneratoren sind nur dann voll leistungsfähig, wenn sie warm sind,“ berichtet Günther Eggers, NTT DATA.

In der Nachbarschaft des Rechenzentrums entwickelt die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen nun auf der Insel Gartenfeld auf einer Fläche von 59 Hektar ein neues Quartier für rund 7.400 Einwohner, das in den kommenden Jahren klimaneutrale Heizenergie benötigt.

Bis 2032 sollen über 60 Baufelder bebaut werden. Alles muss  neu erschlossen werden mit Frischwasserversorgung, Abwasserversorgung, Strom, Wärme und Straßen. Dazu werden Nahwärmeleitungen mit einer Länge von fast vier und Abwärmeleitungen mit einer Länge von fast zwei Kilometern neu verlegt.

Abwärme soll Wohnungen, Gewerbe und Schulen heizen

Für das Quartier soll die Abwärme des Rechenzentrums  für die Heizung von 4.500 Wohneinheiten und 600 Gewerbe, Bildungs- und Erziehungseinrichtungen genutzt werden. Beim Betrieb der IT-Systeme entsteht eine Temperatur von 20 bis 30 Grad Celsius, unabhängig von Witterung und Jahreszeiten.

Abwärme des Rechenzentrum – Nahwärme für Quartier Gartenfeld

Der Betrieb der Heizzentrale mit einer klimaneutralen Wärmeversorgung wird ab 2027 Aufgabe des Quartierswerks sein. Hinter dem Joint Venture Quartierswerk steht eine partnerschaftliche Aufteilung durch zwei etablierte Energieversorger: ENGIE ist in Deutschland im Bereich Facility Management, Anlagenbau, Energiedienstleistungen tätig ist und hält mehrere Beteiligungen an Stadtwerken hält. Die GASAG, betreibt in Berlin große Gas- und Versorgungsnetze.

Das Wärmekonzept beinhaltet, im Winter nahezu die gesamte Wärme aus dem Rechenzentrum ab zu nehmen und den Einwohnern sowie Gewerbetreibenden des Neubaugebietes „Neues Gartenfeld“ zur Verfügung zu stellen.  „Dazu bauen wir das Rechenzentrum so um, dass wir den Hauptteil der Wärme künftig auszukoppeln und in ein Nahwärmenetz einspeisen können“, so Eggers.

Johann Cavar, Quartierswerk

„Der Vertrag zwischen Quartierswerk und NTT DATA sieht vor, dass knapp acht Megawatt Leistung ausgekoppelt werden“, berichtet Johann Cavar, Quartierswerk. Wärmekunden sind die Bauträger Gewobag und Howoge sowie perspektivisch das Bezirksamt und ein Schulcampus mit rund 1.000 Schülern.

24 Grad warmes Wasser aus Dem Rechenzentrum

Die Abwärmeleistung des Rechenzentrums hat eine Kapazität von bis zu 8 Megawatt (MW). In der Kältezentrale soll  Wasser mit einer Temperatur von 24 Grad Celsius ausgekoppelt und an die 2 km entfernte Energiezentrale geliefert werden. Dort heben Wärmepumpen das Temperaturniveau auf 65 bis 70 Grad Celsius Netztemperatur an. Damit wird ein 4 km langes Nahwärmenetz für das Quartier „Das Neue Gartenfeld“ gespeist.

Zur Absicherung temporärer Spitzenlasten im Winter wird zusätzlich ein Power-to-Heat-Kessel mit einer Leistung von 3,6 MW installiert. Die Energiezentrale erhält zudem einen Warmwasserspeicher mit einem Fassungsvermögen von 300 Kubikmetern.

Mehr Energie als bei Geothermie und Abwasserquellen

Die Temperatur der Abwärme wird mit  22 und 25 Grad liegen deutlich über einem Vergleichswert liegen der bei oberflächennaher Geothermie, Außenluft oder Abwasserquellen zur Verfügung stehen würde. Ein weiterer Vorteil ist das konstante Temperaturniveaus aus den Serveranlagen. Perspektivisch könnte die Temperatur steigen: Bei einer Flüssigkeitskühlung, wie sie in neueren Rechenzentren eingebaut wird, liegt die Ausgangstemperatur bei etwa 30 Grad.

Dass die neue Energiezentrale knapp 2 Kilometer vom „Neuen Gartenfeld“ entfernt ist, ist eine Besonderheit des Standortes. Bei der Entwicklung von Nahwärmeprojekten werden üblicherweise nur 0,5 bis 1 Kilometer bei kalter Nahwärme überbrückt. Nach den hiesigen strömungstechnischen Berechnungen und der angesetzte Leistung der Wärmepumpen soll es möglich sein die Wärme in einem größeren Radius einzusetzen.

„Wir rechnen mit einer ganz geringfügigen Abkühlung von rund 1 bis 2 Grad Kelvin. Das liegt zum einen an der hohen Strömungsgeschwindigkeit. Zum andern sind die Leitungen im Erdreich vor Witterungseinflüssen geschützt. Bei den Wärmepumpen wollen wir gar nicht so hoch temperieren: Im Neubauquartier reichen durch die Nutzung von Fußbodenheizung und Trink-Warmwasserbedarf Vorlauftemperaturen von maximal 65 Grad Celsius aus“,  erläutert Cavar.  Im Gegensatz dazu müsse im Wohnungsbestand zunächst saniert werden, wenn das lokale Fernwärmeunternehmen das System dekarbonisieren und mit Niedrigtemperatur fahren will.

Nahwärme zu üblichen Heiznebenkosten

Bisher wird die Abwärme bei NTT DATA für die Heizung der Büros des und die  Notstromdieselgeneratoren genutzt und Überschüsse an die Außenluft abgegeben.  „Nach einem Urteil des Bundesfinanzhofs, darf Abwärme, nicht verschenkt werden. Insofern sind wir gesetzlich verpflichtet, einen Preis für diese Abwärme zu erheben. Im Rahmen der Vertragsfreiheit haben wir eine Lösung gefunden, die für alle Seiten gut passt“, so Eggers. Für das Quartier wurde eine Lieferzeit bis 2052 vereinbart.

Aus Sicht der Abnehmer ist von Vorteil, dass die Wärmepreise für die nächsten Jahre stabil bleiben und mit der lokalen Fernwärmeversorgung konkurrieren können. Die Betreiber wollen ein sauberes grünes Produkt im Rahmen üblicher Heiznebenkosten, den Bewohnern anzubieten.

Nach Einschätzung von Cavar ist dies durch verschiedene Stellschrauben möglich: Zum Einen ist die Versorgung unabhängig von Gaspreispolitik und CO2-Besteuerung.  Hinzu kommt die hohe Effizienz der Wärmepumpen und das ganzjährig stabile Temperaturniveau der Abwärme. Vergleichbare Systeme mit Eisspeicher oder Luftwärmepumpen wurden ebenfalls geprüft, wären aber deutlich weniger effizient.

www.nttdata.com

www.engie-deutschland.de/de

www.gasagsolution.de

Das Doppelinterview mit Johann Cavar und Günther Eggers ist in EW – Magazin für die Energiewirtschaft 7-8 erschienen. 

Bildquelle: NTT DATA, Quartierswerk

Bürger müssen ihre Rolle in der Energiewende finden

Angela Wilkinson sieht die Bürger als wichtigen Akteur in der Energiewende.

Angela Wilkinson Generalsekretärin und CEO, World Energy Council (WEC) engagiert sich für eine „Humanising Energy Vision“. Bildquelle: WEC

Rezept Energiewende:
Man nehme neue Technologien, Investitionskapital und den passenden regulatorischen Rahmen? 
Ein zentraler Akteur im Transformationsprozess wird oft vergessen. Die Bürger müssen ihre Rolle in der Energiewende finden, sagt Angela Wilkinson, Generalsekretärin und CEO des World Energy Council, London, (WEC) im Interview mit der Zeitschrift ET – Energiewirtschaftliche Tagesfragen.

 

 

„Die Energiekrise ist der erste globale Nachfrageschock. Die Konsumenten haben sich gegen eine Abhängigkeit von russischem Gas entschieden.“

Nach Einschätzung von Wilkinson erleben wir 2022 etwas Neues in der Wirtschaftsgeschichte – den ersten globalen Nachfrageschock: Die Konsumenten haben entschieden, nicht mehr von russischem Gas abhängig sein zu wollen. Das hat massive Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Für Deutschland sieht Wilkinson mehrere Möglichkeiten, kurzfristig die Krise zu meistern. Dazu gehört die Nutzung der Kernenergie, der Bau vonTerminals für Flüssiggas (LNG) und der Ausbau der erneuerbaren Energien.

Mittelfristig ist die Energiezukunft mehrspurig, erläutert Wilkinson: Als Partner der Erneuerbaren werde Wasserstoff, Gas, CCS und flexible Speicher gleichermaßen benötigt. In der aktuellen Krise werde deutlich, dass in den letzten 20 Jahren wurde zu wenig in das Energiesystem investiert wurde. Es gebe ausreichend Öl, Gas, Wind, Sonne, Wasser. Aber es fehle an Technologien und einem System, das alles miteinander verbinde.

Das Grundproblem sei allerdings, dass viele Menschen nicht verstehen, worin der Nutzen der Energiewende für sie persönlich besteht. Sie sehen vor allem die Unternehmensprofite, beobachtet Wilkinson. Aber Energiewende sei nicht allein eine Technologiegeschichte, in der die gleichen Unternehmen anstelle von fossilen Brennstoffen künftig erneuerbare Energien oder Wasserstoff liefern.

„Energiewende funktioniert in kleinen Schritten. Dazu müssen Regierungen, Kommunen, Unternehmen und Bürger an einen Tisch.“

Im Transformationsprozess geht es vor allem um gesellschaftliche Veränderungen, betont Wilkinson. Menschen möchten eine bessere Zukunft. Dazu gehört eine saubere, unabhängige Energiewirtschaft und die gemeinschaftliche Teilhabe. „Wir müssen jetzt in lokale Energiegemeinschaften investieren, die die Arbeitsplätze schaffen und Fähigkeiten entwickeln“, fordert Wilkinson. „Solche Projekte brauchen zehn bis 15 Jahre bis sie wirksam werden“.

Dabei geht es nicht um Geld: „Geld ist eine Illusion. Der Weg zu einer neuen Energiegesellschaft führt nicht über Technologie und Geld sondern über Bürgerbeteiligung“, macht Wilkinson deutlich. In der Realität gebe es vor allem drei Knappheiten: Zeit, CO2 und Vertrauen. Zeit ist auch der limitierende Faktor für Humankapital. Vertrauen hat einen Effekt auf die Liquidität von Kapital.

Die Krise habe die Grundlagen der Nachhaltigkeit deutlich gemacht: Energie, Wasser und Nahrungsmittel seien bisher für viele selbstverständlich verfügbar gewesen. Nun interessierten sich die Menschen dafür, wo die Ressourcen herkommen.

„Hoffnung ist kein Lottoschein, mit dem man auf dem Sofa sitzt. Hoffnung gibt die Richtung des Handelns vor. Wir müssen gemeinsam an der Transformation arbeiten und eine neue Form der Verbindung untereinander finden.“

Wenn die Energiewende transparenter wird, werden mehr Menschen ihre Rolle verstehen und ihr Verhalten ändern. Das ist etwas anderes, als über die Reduktion von Emissionen, den Zubau von Anlagen oder die Höhe der Investitionen zu diskutieren. Die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten: So kann beispielweise eine App darüber informieren, wie Kaufentscheidungen die Dekarbonisierung beeinflussen. „Menschen wollen wissen, ob die Maßnahmen fair sind, schnell und weit genug gehen“ sagt Wilkinson.

Das vollständige Interview ist in ET 11/2022 erschienen und online über www.energie.de  abrufbar.

Bildquelle: WEC

www.weltenergierat.de

www.worldenergy.org

Ein Blick auf die Details: Nachhaltigkeit innerhalb des Gassystems

Andreas Hoffknecht, Geschäftsführer der Energienetze Mittelrhein,  Foto: evm/Matthias Brand

Wenn Gasversorger ihre Strategie sich auf den Klimaschutz ausrichten, ist das weniger sichtbar als der Bau von Wind- und Photovoltaikanlagen zur Stromerzeugung.  Aber auch hier kommen digitale Technologien zum Einsatz und verändern den Betrieb. Im Interview für die Zeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft erläutert Andreas Hoffknecht, Geschäftsführer der Energienetze Mittelrhein, der Netzgesellschaft in der evm-Gruppe, wie das Gasnetz mit Blick auf 2040 weiterentwickelt wird.  

Die Strategie der evm-Gruppe ist eher unauffällig, aber ein Beispiel für die kontinuierliche schrittweise Neuausrichtung:  Der Energieversorger beliefert in den rheinischen Mittelgebirgen Eifel, Hunsrück und Westerwald sowie im Mittelrheintal seine Kunden mit Strom, Gas, Wasser und Telekommunikationsdienstleistungen. Das Unternehmen betreibt  dabei keine repräsentativen Leuchtturmprojekte, sondern passt den Unternehmensalltag sukzessive an die Anforderungen des Klimaschutzes an.

Digitalisierung auf der Montage

Foto: Sascha Ditscher / ditscher.de

Mit den Möglichkeiten der Digitalisierung verändert sich der Unternehmensalltag.  Hoffknecht berichtet von sehr positiven Erfahrungen, Beispielsweise bei der Nutzung von speziellen Helmen für Netzmonteure, die mit Kamera und Display ausgestattet wurden. Dadurch können jüngere Monteure vor Ort  durch ältere Mitarbeiter in der Zentrale unterstützt werden.

Simulation der Druckstufen

Eine Innovation, die die Arbeit grundlegend verändert habe, sei zudem der Aufbau einer Gasnetzsimulation gewesen. Damit ist es möglich, die gesamten rund 6.500 km Leitungen über alle Druckstufen zu simulieren. Durch die Simulation lasse sich bei Veränderungen im Netz schnell abschätzen, ob neue Leitungen erforderlich werden. Bis das neue System genutzt werden konnte hat das Unternehmen innerhalb von vier Jahren Projektarbeit einen sechsstelligen Betrag in die Digitalisierung investiert und die Messungen mit dem TÜV kalibriert. Sehr schnell seien siebenstellige Investitionskosten und sechsstellige jährliche Betriebskosten gespart worden.

Simulation der Druckstufen im Gasnetz, Quelle: evm

BHKW und Biogasanlagen

Die Umsetzung der Energiewende ist in der Unternehmensstrategie seit 20 Jahren sukzessive entwickelt worden. Eine erste Maßnahme sei eine Erdgasentspannungs-turbine und ein nachgelagertes Blockheizkraftwerk gewesen. Die Anlage könne in Zeiten mit geringerem Gasverbrauch wie in den Sommermonaten, elektrische Energie erzeugen und ins Stromnetz einspeisen. Durch die Kopplung kann das Gasnetz ganzjährig mit maximalem Durchsatz gefahren werden, berichtet Hoffknecht.

Ein weiterer Schritt seien Investitionen in  Biogasanlagen  gewesen: In Boppard-Hellerwald ist 2012 die erste Anlage in Betrieb gegangen, erläutert Hoffknecht. Seit 2018 speise eine weitere in der Ortsgemeinde Plaidt ein. Demnächst nehme eine dritte Anlage im Westerwald den Betrieb auf. Als wichtigen strategischen Schritt bewertet Hoffknecht  die Beteiligung an einem Pilotprojekt der Thüga : „Von 2012 bis 2016 haben wir gemeinsam eine Power-to-Gas-Anlage betrieben und Knowhow und Erfahrungen mit dieser Technologie gesammelt. Wenn die Rahmenbedingungen einen wirtschaftlichen Betrieb erlauben, wird auch die evm-Gruppe eigene Power-to-Gas-Anlagen aufbauen.“

Erdgasbusse in Koblenz

Bei der Mobilität ist das Unternehmen ebenfalls aktiv: In Koblenz wurde eine große Erdgastankstelle aufgebaut und seit dem Winterfahrplan 2020/2021 ist auch eine neue Erdgasbusflotte in Betrieb. „In Koblenz wurden zunächst auch Elektrobusse getestet, die aber mit der Tallage der Stadt nicht so gut zurecht kamen. Im Schwerlastverkehr ist Gas auf jeden Fall ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Im privaten Bereich wird der Fokus hingegen auf den Elektrofahrzeugen liegen,“ ist Hoffknecht überzeugt.

Heizungsumstellung: Von Öl zu Gas

Die Landbevölkerung in der Region orientiere sich zunehmend in Städte wie Koblenz, Mayen und Montabaur. Das sei in der Erneuerungs- und Erweiterungsstrategie für das Gasnetz 2040 berücksichtigt worden. Ziel sei es,  das Netz weiter zu verdichten. Aus der Umstellung von alten Ölheizungen auf Gasheizungen werde zusätzliche Nachfrage erwartet. Auch wenn nur ein Teil der 60.000 möglichen Kunden ein Gasanschluss beantrage, seien das relevante Größenordnungen, die zu den derzeitigen 180.000 Abnehmern hinzukommen werden.

Gasanschlüsse gefragt

Während es beim Netzausbau im Strombereich viel Widerstand in der Bevölkerung gibt, würden Gasnetze von der Bevölkerung außer bei temporären Baustellen kaum wahrgenommen. Insgesamt ist der Zuspruch sehr hoch. In den 255 Kommunen, die der evm die Konzession erteilt haben, bestehe ein hohes Interesse weitere Bürger anzuschließen, so dass es sogar zu Wartezeiten bei den Anschlüssen komme.

All-Electric-Society ist kein Allheilmittel

Unabhängig von diesen Weiterentwicklungen muss sich das Unternehmen auch die Frage stellen, welche Zukunft Erdgas als fossiler Energieträger hat. Für Hoffknecht ist klar, dass eine All-Electric-Society kein Allheilmittel für die Energiewende ist. In einem Projekt der Deutschen Energie-Agentur (dena) zur integrierten Energiewende sei erarbeitet worden, wie wichtig es ist, technologieoffen an die Energiewende heranzugehen. Gas werde weiterhin im Wärme- und Verkehrssektor benötigt. Im Rahmen der Dekarbonisierung sei klar, dass das klassische Erdgas mittelfristig durch andere synthetische Gase, Biogas und Wasserstoff ersetzt werde.

Der Aufbau eines Wasserstoffnetzes werde in den nächsten Jahren viel Raum einnehmen. Die Bundesregierung habe die Nationale Wasserstoffstrategie vorgegeben und nun müssten die Unternehmen die richtigen Schritte umsetzen. Die Netze seien dabei der Dreh- und Angelpunkt. Die Leitungen seien vorhanden, müssen aber H2-Ready gemacht werden.

Das vollständige Interview ist in EW 2/3 -2021 erschienen.

Bildquelle: evm-Gruppe

http://www.evm.de

 

Gebäude-Energiemanagement als zentraler Akteur im Smart Grid

Siemens-Kempten-31Wie wird das Smart Grid eigentlich smart? Für den Ausgleich von flexiblen Stromangebot und flexibler Stromnachfrage gibt es unterschiedliche Ideen: Zunächst war es die Waschmaschine, die sich nach der Stromproduktion aus Sonne und Wind richten sollte. Inzwischen wird das Flexibilitätspotenzial der Stromnachfrage bei der Steuerung bei Elektroautos, Wärmepumpen und Stromspeichern gesehen. Ausprobiert haben das die Unternehmen Siemens und Allgäuer Überlandwerk. Im Modellprojekt pebbles arbeiten sie gemeinsam daran, ein Smart Grid in der Realität aufzubauen und einen Lokalen Marktplatz zu erproben. Über die Erfahrungen aus Wilpoldsried berichten Michael Lucke, Allgäuer Überlandwerk und Stefan Nießen, Siemens im Gespräch mit der Zeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft. 

Der Name pebbels steht für „Peer-to-Peer Energiehandel auf der Basis von Blockchain“. Ziel ist die Implementierung eines lokalen Marktplatzes, bei dem Erzeuger, Verbraucher und  Prosumer ihren Strom verkaufen und die Flexibilität ihrer Geräte vermarkten können. Das sei in Deutschland bisher noch nicht in der Praxis getestet worden, auch wenn die Idee dazu schon fast „Common sense“ sei, betont Nießen.

Die Stromanbieter sind Betreiber von kleineren Photovoltaikanlagen, die Konsumenten sind normale Verbraucher und auch intelligente Verbraucher mit Gebäudemanagementsystem, das den Strombedarf ihrer Wärmepumpe, des elektrischen Autos und die Stromspeicherung automatisch regelt. Auf dem Markt handeln diese Teilnehmer primär untereinander, können aber am Handel auf übergeordneten Märkten teilnehmen. Wichtigstes Ziel war zu zeigen, dass dies technisch einwandfrei funktioniert.

Weiterlesen

Interview mit Ulf Heitmüller: Kritische Infrastruktur im 21. Jahrhundert

Der Gasversorger VNG sieht als Infrastrukturbetreiber. Die Zuverlässigkeit im Gasgeschäft lässt sich auch den Transport und die Speicherung von Daten übertragen erläutert Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG AG, in der Zeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft.  

Im Rahmen der Energiewende soll auch die Gasversorgung „grüner“ werden. Das umsatzstärkste Unternehmen in Ostdeutschland will zum einen die Anteile von Biomethan, grünem Wasserstoff und in Zukunft auch synthetischem Methan, steigern. Gas wird in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr weiterhin eine Relevanz besitzen, ist Heitmüller überzeugt. Grünes Gas wird dabei aber erheblich bedeutsamer, der fossile Anteil geht zurück.

Die deutsche Abhängigkeit von Gasimporten wird immer wieder diskutiert. Europa strebe zwar an, die Gaslieferländer stärker zu diversifizieren, aber die Möglichkeiten dafür seien beschränkt. In den vergangenen Jahren hab Deutschland seine Gasimporte aus Norwegen ausgeweitet. Allerdings fördere Norwegen bereits auf Rekordniveau in einem stark ausgelasteten System, so dass von dort keine großen Zuwächse zu erwarten seien. Die Niederlande beendeten ihre Förderung aus Groningen bis 2030, erläutert Heitmüller. Damit blieben für Europa überwiegend russisches Pipelinegas und LNG als künftige Quellen.

Zuverlässigkeit bei der Versorgung steht in der Gaswirtschaft traditionell im Vordergrund. Heitmüller will diese Kernkompetenz auch auf andere Geschäftsbereiche übertragen und den Transport und die Speicherung von Daten ausbauen. Dabei kommt dem Unternehmen zu zugute, dass es seit den 1990er Jahren bereits Glasfaser zusammen mit den Gasleitungen im Boden verlegt hat.

Das vollständige Interview ist in EW 1/2019 erschienen sowie online unter: https://www.energie.de/ew/news-detailansicht/nsctrl/detail/News/versorgungssicherheit-im-21-jahrhundert-wir-koennen-kritische-infrastruktur-201932/np/2/

Bildquelle: VNG

 

www.vng.de