Blockchain für Handel, Abrechnung, Mobilität und Netzbetrieb interessant

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Die Energieversorgung wird digitaler und ein neuer Transformationsschub kündigt sich an. Als nächste disruptive Technologie, die neue Strukturen schaffen kann, gilt derzeit Blockchain. Seitdem im New Yorker Stadtteil Brookly Strom rein digital und direkt zwischen Erzeuger und Verbraucher vertrieben wird, werden auch in Deutschland intensiv Anwendungsbereiche für die Verschlüsselungstechnologie erörtet. Eine gemeinsame Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) und mit der European School of Management and Technology GmbH (ESMT) Berlin hat den aktuellen Diskussionsstand und die Einschätzungen von Entscheidern untersucht. Der vollständige Beitrag ist in der Fachzeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft, Ausgabe 12/2016 erschienen.

Eine vernetzte Welt ist bereits Realität: Die Autoren von dena und ESMT verweisen auf Schätzungen von 6,4 Mrd. Geräten und Maschinen, die 2016 miteinander verbunden sind. Bis 2020 könnten es 20,8 Mrd. Geräte werden. Dies verändert insbesondere Geschäftsmodelle, Arbeitswelten, Konsumverhalten und Kommunikation. Denn digitale Plattformen bringen Vertragspartner schneller zusammen, als dies vor der Digitalisierung möglich war.

Beim Blockchain-Verfahren stehen die Nutzer in einem direkten Austausch. Klassische Wertschöpfungsstufen wie Handel oder Vertrieb lösen sich auf. Möglich wird der Verzicht auf zwischengeschaltete Institutionen durch eine sichere Datenabwicklung und Smart-Contracts. Ein Aspekt der Blockchain ist die Idee, Entscheidungsprozesse demokratischer und dezentraler zu machen. Vermittelnde Instanzen wie Banken wären in einem solchen System nicht notwendig. Daher hat sich die Finanzbranche als eine der ersten mit dem neuen Thema beschäftigt. Zur sogenannten Kryptowährung Bitcoin gibt es bereits eine intensive Forschung, weltweite Konferenzen und Gründerwettbewerbe für Start-ups.

Auch das Interesse der Energiewirtschaft ist geweckt. Die Energiewende hat einen Umbruch ausgelöst und die Branche braucht dringend Innovationen, um die marktliche und systemische Integration erneuerbarer Energien voran zu bringen. Dezentrale Strukturen der erneuerbaren Energien passen gut zur Blockchain-Technologie, die ebenfalls dezentral organisiert ist. In der nicht repräsentativen Studie von dena und ESMT wurden Entscheider aus der Elektrizitätswirtschaft sowie von Zulieferern, Netzbetreibern, Dienstleistern und der Strombörse befragt. Von den rund 70 befragten Entscheidungsträgern experimentiert bereits mehr als die Hälfte mit Anwendungen der Blockchain oder plant derartige Vorhaben. 21 Prozent sehen die Blockchain sogar als Game-Changer für die Energieversorgung, 60 Prozent halten die weitere Verbreitung von Blockchain zumindest für wahrscheinlich und 14 Prozent erwarten Nischenanwendungen.

Die neue Technologie hat nach den Umfrageergebnissen das Potenzial, die Effizienz von Handelsplattformen zu verbessern, Smart Contracts zu etablieren, sowie abschaltbare Lasten und virtuelle Kraftwerke zu steuern. Insbesondere beim Peer-to-Peer-Handel und der dezentralen Energieerzeugung findet die Blockchain-Technologie schon weltweit in ersten Projekten in Anwendung. So berichtet die Studie beispielsweise von einem Start-up Bankymoon, das Bitcoin als Zahlungssystem für die Installation von Smart Metern in öffentlichen Schulen installiert hat. Spender aus Industrieländern können die Schulen unterstützen, indem sie Bitcoins an den Zähler der Schule überweisen.

Beispiele für komplexere Dienstleistungen, die über die Blockchain erbracht werden können, sind Transaktionen im Energiehandel. Das Start-up TransActive Grid hat in Brooklyn, USA, Anfang 2016, die erste Transaktion von Smart Contracts durchgeführt: Fünf Haushalte mit eigener Photovoltaik-Produktion wurden mit Verbrauchern auf der gegenüberliegenden Straßenseite verbunden. Auch in Perth, Australien gibt es ein ähnliches Projekt des Startups Power Ledger.

Neben solchen volkswirtschaftlichen Auswirkungen auf die Wirtschaftsstruktur ist die Blockchain auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht interessant. Erwartet wird ein Kostensenkungspotenzial durch Blockchain für unternehmensinterne Prozesse. Vor dem Hintergrund, dass viele Energieversorger in ihren Geschäftsfeldern unter Kostendruck und gleichzeitig neue Aufgaben im Bereich der Datenkommunikation erfüllen müssen, ist die Branche offen für neue Möglichkeiten.

Die Experten aus der Befragung sehen in der Blockchain mögliche Anwendungen zur Abrechnung, Vertrieb und Marketing, Automatisierung, Messwesen, Mobilität, Kommunikation, Netzmanagement und IT-Sicherheit. Wie schnell die neue Technologie hier Fuß fassen wird, ist unklar. Denn hier konkurriert Blockchain mit den derzeitigen bestehen Lösungen der Digitalisierung. Anders ist die Situation in neu entstehenden Märkten: Blockchain könnte beispielsweise bei öffentlichen Lade- und Abrechnungsstationen für Elektrofahrzeuge zum dominierenden Design werden.

www.dena.de/blockchain-studie

www.esmt.org