Stromwende vor der Steckdose: Gemeinsam geht es besser voran

Klimaschutz umsetzen – das ist mehr als ehrgeizige Prozentsätze, Jahreszahlen und spannende digitale Innovationen. Aktuelle Forschungsergebnisse weisen darauf hin, welches Potenzial vor der Steckdose wartet: Die Gesellschaft muss neue Formen der Mitbestimmung finden, um Aufbruchsstimmung und Akzeptanz zu erzeugen.

Lang galt die Überzeugung, die Ingenieure werden die Dekarbonisierung schon richten. Inzwischen wird immer deutlicher, beim Vermeiden von CO2-Emissionen geht es auch um die Verbraucher. Das kann den Verlust von Freiheiten bedeuten.

Flexible Stromnachfrage impliziert zunächst einmal, sein eigenes Verhalten nach dem wetterabhängigen Angebot von grünem Strom zu richten. Um ausreichend Strom aus Sonne und Wind produzieren zu können, bedarf es zudem auch entsprechend großer Anlagen, die in der Landschaft sichtbar sind.

Auch ProDukte brauchen Energie

Bisher ist die Relevanz der Stromwende für das persönliche Leben ist nicht unbedingt offenkundig. Nur Viertel des Stromverbrauchs entfällt auf die privaten Haushalte. Tatsächlich nutzt der Konsument vor allem gebundene Energie. „Bürgerinnen und Bürger übersehen oft, dass sie über Produkte Energie verbrauchen, selbst beim Fahrradkauf oder Hausbau“, berichtet Steffi Ober, Initiatorin und Ko-Sprecherin der Zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende, Naturschutzbund NABU.

Wie es gelingen kann, die Akzeptanz für die Stromwende zu verbessern, untersucht das Forschungsprojekt Projekt Ariadne. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Einfluss der Gesellschaft auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens. Der erste Teil des Projektes lotet dazu Optionen aus. Im zweiten Projektteil folgen dann eine Bewertung und Empfehlungen für eine politische Umsetzung.

„Tragfähige Lösungen für die Energiewende gibt es nicht als Blaupausen, wir können sie als Gesellschaft nur gemeinsam entwickeln,“ beschreibt Arwen Colell, Politik-Analystin, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC Berlin) die Ausgangslage.

Quelle: Ariadne

Das Projekt hat dazu eine Struktur von unterschiedlichen Arbeitsgruppen mit Bürgern aufgebaut. Ziel ist es, die Ergebnisse von Fokusgruppen, Co-Creation-Workshops, Bürgerkonferenzen, Bürgergipfel zunächst in einem Grünbuch und später in einem Weißbuch zu veröffentlichen.

Der Ton macht die Musik

Als erstes Ergebnis der Ariadne-Forschung zeigt sich, dass die Stromwende nicht grundsätzlich kritisiert wird, sondern vor allem die Art und Weise, wie diese umgesetzt wird. Für viele Bürger ist eine Beteiligung und Teilhabe im Transformationsprozess ein zentraler Aspekt, den sie stärker berücksichtigt sehen möchten. Dabei geht es nicht darum, selbst die Energie zu erzeugen, sondern vielmehr um den Wunsch nach Information und Mitsprache auf Augenhöhe mit den Entscheidern.

Ein zweiter Aspekt, der Bürger interessiert, sind innovative Technologien und die dezentrale Stromerzeugung. Hier treffen in den Arbeitsgruppen durchaus deutscher Erfindergeist und deutsche Skepsis aufeinander. Eine Begeisterung für den die Umgestaltung der Energieversorgung lässt sich nicht einfach voraussetzen, sie muss erarbeitet werden.

Ein drittes Thema, das Bürger umtreibt, betrifft die Frage nach der Gerechtigkeit. Gewinner und Verlierer im Transformationsprozess werden als ungleich verteilt wahrgenommen. Das sorgt für eine negative Bewertung der Stromwende.

Bürgerinnen und Bürger sprechen über Herausforderungen und Ziele. Quelle: Ariadne-Report Februar 2021

Bürger wollen Arbeitsteilung – wenn sie funktioniert

Fehlende Akzeptanz ist andererseits auch ein Hinweis darauf, wie das Thema Stromwende viele Menschen ganz persönlich beschäftigt. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist so eine Aufmerksamkeit nicht per se zu erwarten. „Der Ruf nach Bürgerbeteiligung ist ein Indiz dafür, dass bei der Energieversorgung etwas mit der Arbeitsteilung nicht richtig funktioniert,“ ist Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) und Professor für Technikphilosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung im Deutschen Bundestag, überzeugt.

Dabei geht es nicht darum, möglichst autark seine eigene Energieversorgung aufzubauen, sondern um eine gemeinschaftliche Versorgung in einer neuen Form. In den Gesprächen wird zudem deutlich, dass eine rein ökonomische Sichtweise die gesellschaftliche Realität nur unzureichenden widerspiegelt. „Es gibt Menschen, für die ist Geld alles – aber das gilt nicht für die meisten,“ so Grunwald weiter.

Das Genossenschaften und Bürgerenergieprojekte könnten ein Weg zu mehr gemeinschaftlichen Erleben im persönlichen Umfeld sein. Dörte Ohlhorst, Dozentin am Lehrstuhl für Umwelt- und Klimapolitik Hochschule für Politik an der TU München, sieht die Notwendigkeit einer zentralen Anlaufstelle zur Unterstützung von Bürgerenergieprojekten: „Bürgermeister haben eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung der unterschiedlichen Interessen in der Energiewende vor Ort.“

Die Chance gemeinsamer Erfolge

Ariadne macht deutlich, dass die Energiewende materielle und immaterielle Aspekte hat, die gleichermaßen berücksichtigt werden müssen. „Wir merken jetzt: Die Energiewende braucht gemeinsame Geschichten und Erfolgsbeispiele genauso dringend wie technologische Innovationen und Investitionen,“ resümiert Colell.

Um die Akzeptanz der Energiewende zu erhöhen, haben die Wissenschaftler bisher drei Empfehlungen erarbeitet: Wichtig ist der Aufbau einer effektiven Governance, aus der deutlich wird, wer die Entscheidungen trifft und wer mitwirken darf. Ein weiterer Aspekt für mehr Transparenz sind Technologielandkarten für Deutschland aus denen Erzeugungsarten, Standorte sowie die Auswirkungen auf Strompreise und Netzentgelte hervorgehen. Ein drittes wichtiges Thema ist die Verteilung von Lasten und Nutzen – sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch zwischen den Regionen Deutschlands.

Das Forschungsprojekt Ariadne ist 2020 gestartet und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 30 Millionen Euro über drei Jahre gefördert. Ariadne ist Teil der Kopernikus-Forschungsinitiative.

www.kopernikus-projekte.de

Ariadne-Report

Report: Was ist uns wichtig bei Verkehrs- und Stromwende? – Bürgerinnen und Bürger sprechen über Herausforderungen und Ziele

Motivation von kleinen Gruppen: Wir und unsere Energie

Ludwig Karg, Geschäftsführer, B.A.U.M Consult, Bildquelle: © European Union

Strom selber machen und andere mitversorgen? Technisch ist das machbar, juristisch aber äußerst kompliziert.  Zwei EU-Richtlinien wollen Privatpersonen nun mehr Entfaltungsmöglichkeiten geben. Damit könnte auch die Akzeptanz der Energiewende in der Gesellschaft wieder steigen. Im Interview für die Zeitschrift ET – Energiewirtschaftliche Tagesfragen erläutert Ludwig Karg, Geschäftsführer B.A.U.M Consult die bisher wenig genutzte Schubkraft von Dezentralisierung und Regionalität.

Nach den Vorstellungen der EU-Kommission sollen alle, die im Energiesystem eine Rolle spielen wollen, dieses im Wettbewerb auch verwirklichen können. Stichtag für die nationale Einführung von sogenannten „Citizen Energy Communities“ ist der 31.12.2020 und für die sogenannten „Renewable Energy Communities“ der 30.6.2021. Mit den Citizen und Renewables Energy Communities bekommen Bürger und kleinere Unternehmen die Möglichkeit, sich untereinander selbst zu versorgen oder mit Stadtwerken zusammen eine Energiegemeinschaft zu gründen.  Die Renewable Energy Communities bezieht sich auf auf regionale erneuerbare Energien in Form von Strom und Wärme beschränkt. Eine reine Gewinnerzielung ist nicht vorgesehen. Nach der Citizen Energy Communities sollen eine gemeinschaftliche Stromerzeugung, das Angebot von Flexibilität oder die gemeinsame Nutzung eines elektrischen Fuhrparks möglich werden.

Menschen schätzen das Vertraute

Die Richtlinie adressiert Grundbedürfnisse einer Gesellschaft: Menschen schätzen, was sie aus ihrer Umgebung kennen, erläutert Karg im Gespräch. Das beginne bei regionalen Lebensmitteln, für die Verbraucher gerne auch etwas mehr zahlten. Das wäre wohl bei der Energieversorgung nicht anders. Aber leider könnten die Anwohner sich bisher nicht von der regionalen Windanlage mit Strom beliefern lassen. Das gelte sogar, wenn sie selbst finanziell an dem Windrad beteiligt sind.

Energiewende braucht Akzeptanz der Bürger und InvestiTionen

Gerade in Deutschland könnten die neuen Regeln das Interesse an der Energiewende wieder beleben. Nach einem anfänglichen starken Engagement der Bürger, ist die Akzeptanz zwischenzeitlich gesunken. Ohnehin spielen die Verbraucher im künftigen Energiesystem eine aktivere Rolle, indem sie ihr Verhalten nach der Erzeugung ausrichten. Darüber hinaus wird viel privates Kapital benötigt wird, um die Transformation zu finanzieren.

Motivation in der Gruppe

Kleine Gruppen verfügen über eine Motivation, die mit Geld nicht zu  bezahlen ist:  In einer Gemeinschaft, die möglichst mit der eigenen Stromproduktion auskommen will, wird jeder einzelne den Strom möglichst dann verbrauchen, wenn Produktionsüberschüsse vorhanden sind – und umgekehrt, so Karg. Einen solchen natürlichen Anreiz gebe es nur innerhalb einer Kohorte, die sich mit dem identifizieren kann, was sie tut. Das zeige sich auch bei Mieterstrommodellen, in denen die Bewohner ihren Stromverbrauch an ihren Vor-Ort-Strom optimal anpassten.

Eine Community könne sich systemdienliches Verhalten honorieren lassen und beispielsweise für einen Car-Sharing-pools sicherstellen, dass nicht mehr als drei Autos gleichzeitig laden. Damit kann die Gemeinschaft innerhalb eines Straßenzugs bereits Erzeugung und Verbrauch ausgleichen und das Netz entlasten, erläutert Karg. Diese Festlegung könne dann dem Netzbetreiber als gesicherte Flexibilität angeboten werden und Netzausbaukosten reduzieren.

Genossenschaften: Seit 100 Jahren in Deutschland bewährt

Als Rechtsform kommt für die Energiegemeinschaft eine Genossenschaft in Frage. Hier blickt Deutschland eine 100-jährige Tradition.  Der Gesetzgeber den Genossenschaften gegenüber Kapitalgesellschaften einen Vorteil verschafft, dass sie nicht prospektpflichtig sind. In vielen Mitgliedstaaten fehlt leider noch eine solche vorteilhafte Gesetzgebung zu Genossenschaften, so Karg.

Neue Perspektiven für Energieversorger

Auch wenn die Bürger sich persönlich engagieren – eine Energiegemeinschaften werde nicht als Zusammenschluss von Laien funktionieren. Sie brauche unbedingt professionelle Dienstleister, seien es Berater oder Stadtwerke, betont Karg. Künftig werde es für Energieversorger darum gehen, den Kunden zu ermöglichen, sich selbst zu versorgen. Darin liege eine Perspektive für Stadtwerke.

Das vollständige Interview ist in ET 10/2020 erschienen.

www.baumgroup.de

www.energie.de

Ein Blick auf erfolgreiche Energiegemeinschaften in Europa findet sich hier: Akzeptieren und mitmachen: Die Europäische Idee einer Energieversorgung durch Bürger

Richtlinie des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 5. Juni 2019 EU 2019/944

 

 

 

Genehmigungen von Windanlagen sind Einzelfallentscheidungen

imon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM)

Simon Schäfer-Stradowsky: Wir brauchen einen Windentwicklungsplan. (Bildquelle: IKEM)

Die Rechtsunsicherheit bei Windkraftprojekten ist groß. Nur ein kleiner Teil der geplanten Projekte wird überhaupt realisiert. Kleinteilige Zuständigkeiten und vielfältige Klagemöglichkeiten führen dazu, dass jede Genehmigung letztlich auf Einzelfallentscheidungen beruht. In der Zeitschrift EW – Magazin für die Energiewirtschaft Ausgabe 11-12 erläutert Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM), welche Wege zu mehr Klarheit führen.

Die Windenergie an Land soll nach den Vorgaben der Bundesregierung eine der wesentlichen Säulen des künftigen Energiesystems werden. Seit diesem Jahr kommen aber kaum noch neue Projekte an den Start. Als einen Grund dafür nennt Schäfer-Stradowsky, dass die Belange von Klima- und Artenschutz kollidieren. Ausgerechnet Umweltverbände, die eigentlich die Energiewende befürworteten, klagten gegen den Ausbau der Windenergie an Land.

Vielzahl von Vorschriften verunsichert

Eine Vielzahl von Vorschriften und Auslegungsspielräume durch die Behörden mache Investitionsprojekte angreifbar. Oft gehe es um eine Abwägung zwischen dem Schutz der Tierwelt in der unmittelbaren Umgebung und der Verhinderung der Erderwärmung, die den Lebensraum für Mensch und Tier global bedroht. Zudem hänge die Genehmigung von artenschutzfachlichen Einschätzungen ab. Es gäbe viele Einzelfallentscheidungen und unklare Maßstäbe. Das schaffe große Unsicherheit bei Projektierern, Behörden und Gerichten. Weiterlesen