Akzeptieren und mitmachen: Die Europäische Idee einer Energieversorgung durch Bürger

Selbstversorgung einer Wohnsiedlung in Amsterdam

Energiegemeinschaft Schoonship in Amsterdam / Bildquelle: Isabel Nabuurs http://www.isabelnabuurs.nl

Energy community – der Begriff klingt gut, die Bedeutung bleibt zunächst wage. Dahinter steht eine Vielzahl von Organisationsformen stehen, die sich derzeit etablieren und sehr unterschiedliche Mitglieder haben. Die EU sieht in solchen Gemeinschaften einen Weg, die Energiewende in der Gesellschaft zu verankern. Auf einer Online-Veranstaltung der österreichischen Initiative „Mission Innovation Austria“ wurde über die unterschiedlichen Ausprägungen in den EU-Mitgliedsstaaten diskutiert.

In den Anfängen wurde die Energiewende vom Mut und dem Engagement einzelner Individualisten und Gruppierungen getrieben, die sich persönlich stark eingebracht haben. Inzwischen ist der Klimaschutz im „Mainstream“ von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angekommen. Dabei hat der Transformationsprozess an Dynamik verloren. Im Gegenteil: Nun sind es oft die Anwohner, die gegen den Ausbau von erneuerbaren Energien protestieren. Restriktive Abstandsregelungen für Windkraftwerke und eine Mengenbeschränkung für Solaranlagen bremsen Investoren.

Energiewende für alle: Smarter Consumer, Smarter Kunde, Smarter Bürger

Sowohl im regulatorischen Rahmen als auch in den Anwohnerprotesten spiegelt sich das Grundproblem der Energiewende: Es fehlt an Akzeptanz für neue Infrastrukturprojekte. Damit wird deutlich, dass die Energiewende nicht gegen die Gesellschaft vorankommen kann. Nicht nur Unternehmen, auch Bürger und Wähler müssen den Transformationsprozess mittragen. Neudeutsch heißt das „smart“ werden.

Das Europäische Parlament und der Europäische Rat wollen den Bürgern eine aktivere Rolle bei der Energieversorgung geben. Dabei muss nicht gleich jeder eine eigene Stromerzeugung aufbauen. Die Bandbreite für eine Teilhabe ist groß. Das EU-Projekt S3C unterscheidet drei grundlegend verschiedene Rollen für die Akteure: Der Smarte Consumer, der Smarte Kunde und der Smarte Bürger, die sich in unterschiedlichem Maß mit Energieversorgung, -speicherung und -verbrauch beschäftigen möchten.

Energiegemeinschaften als soziales Konzept

Nach Umfragen im Rahmen des Projektes S3C gibt es viele Motivatoren, sich in einer Energiegemeinschaft zu engagieren. Neben finanziellen und ökologischen Gründen taucht dabei immer auch wieder das Motiv, „Teil von etwas Größerem sein zu wollen“, auf. Dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Identifikation kommt in den traditionellen abstrakten Marktstrukturen bisher eher zu kurz.

Die Betrachtung von Kunden als reine Zählpunkte des Stromnetzes ist für die Branche nicht mehr passend. Denn die Kunden melden sich mit ihren eigenen Vorstellungen zu Wort: „Viele Energieversorger erleben die Bürger vor Ort im Widerstand gegen den Ausbau von erneuerbaren Energien. Auch spezielle Angebote aus der Region wie Regionalstrom werden zu wenig nachgefragt. Mit dem EU-Projekt S3C haben wir Ansätze vorgestellt, wie die Bevölkerung für die Energiewende aktiviert werden kann. Energiegemeinschaften sind weniger ein technologisches als vielmehr ein sozial-gesellschaftliches Konzept“, erläutert Ludwig Karg, B.A.U.M Consult.

EU-Richtlinie definiert Bürgerenergiegemeinschaft

In der EU-Richtlinie vom 5. Juni 2019 zum Strombinnenmarkt wird definiert, was unter einer Bürgerenergiegemeinschaft (Citizen Energy Community) zu verstehen ist. Neben der Energieversorgung sollen die Energiegemeinschaften ihren Mitgliedern gemeinschaftliche Vorteile im sozialen, Umwelt oder Wirtschaftsbereich liefern. Dazu heißt es in Artikel 2, Absatz 11:

„Bürgerenergiegemeinschaft“ eine Rechtsperson,

  1. a)  der auf freiwilliger und offener Mitgliedschaft beruht und von Mitgliedern oder Anteilseignern, bei denen es sich um natürliche Personen, Gebietskörperschaften, einschließlich Gemeinden, oder Kleinunternehmen handelt, tatsächlich kontrolliert wird;

  2. b)  deren Hauptzweck nicht in der Erwirtschaftung finanzieller Gewinne besteht, sondern darin, ihren Mitgliedern oder Anteilseignern oder den lokalen Gebieten, in denen sie tätig ist, Umwelt-, Wirtschafts- oder soziale Gemeinschaftsvorteile zu bieten; und

  3. c)  die in den Bereichen Erzeugung, einschließlich aus erneuerbaren Quellen, Verteilung, Versorgung, Verbrauch, Aggregierung, Energiespeicherung, Energieeffizienzdienstleistungen oder Ladedienstleistungen für Elektrofahrzeuge tätig sein oder andere Energiedienstleistungen für seine Mitglieder oder Anteilseigner erbringen kann;“

In diesem Sinne haben Energiegemeinschaften ein großes Potenzial die Akzeptanz von Energieprojekten zu steigern. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, privates Kapital für die Energiewende zu mobilisieren. Ein weiterer Aspekt der Energiegemeinschaften ist die Möglichkeit, dass diese mehr Flexibilität in den Markt bringen, indem sich Stromangebot und -nachfrage vor Ort aufeinander einstellen. Die Größe von Energiegemeinschaften ist dabei unerheblich. Sowohl Stadtwerke als auch private PV-Anlagenbetreiber können durch ihre Mitglieder getragen werden.

Zehn typische Ausprägungen von Energiegemeinschaften

In Europa haben sich bereits sehr unterschiedliche Formen von Energiegemeinschaften etabliert. Ob diese allerdings auch „energy communities“ im Sinne der EU sind, ist noch offen. Karg hat in der Task Force on Energy Communities im Rahmen des EU-Programms Bridge Horizon 2020 zehn verschiedene idealtypische Ausprägungen von Energiegemeinschaften charakterisiert.

Die Klassifizierung unterscheidet beispielsweise danach, ob die Gemeinschaften Strom erzeugen, um ihn selbst zu verbrauchen oder in der Region anzubieten. Energieinseln hingegen sind so ausgelegt, dass sie technisch selbstständig funktionieren. Andere Energiegemeinschaften haben das Ziel, die Finanzierung eines Investitionsprojektes zu sichern. Auch die gemeinschaftliche Bereitstellung von Dienstleistungen kann ein Zweck für die Gründung einer Gemeinschaft sein. Ein weiterer Aspekt ist der Aufbau von digitalen Strukturen zur Steuerung z. B. in Verbindung mit Blockchain. Die Task Force prüft nun, welche dieser Ausprägungen konform mit der genannten EU Direktive sind und wie deren Aufbau unterstützt werden kann.

Formen von Energiegemeinschaften im Markt
Ausprägung Klasse International gebräuchliche Bezeichnung Beschreibung
Gemeinschaftliche Erzeugung und Vermarktung von Energie 1 Collective generation and trading of electricity all types of territorial or commercial groupings of generators – whether active on the market or under feed-in mechanisms (often called Virtual Power Plants)
Regionale Erzeugungs- und Verbrauchs-Gemeinschaften 2 Generation-Consumption Communities certified sourcing of electricity in a closed group of generators and consumers – not necessarily in proximity but including local or regional energy markets
Eigenverbrauchs-Gemeinschaften in Wohn- und Industriegebieten 3 Collective residential & industrial self-consumption generation, storage and consumption in residential cases with multiple dwellings; includes Tenant-Power (Mieterstrom) – models
Plus-Energie Quartiere 4 Energy positive districts districts with residential and business entities operating their energy supply systems under their own regime
Autonome und autarke Energie-Inseln 5 Energy islands real islands or parts of the distribution system that can be operated standalone (e.g. cellular system as in SINTEG, holonic model as in PolyEnergyNet)
Stadt- und Gemeindewerke 6 Municipal utilities existing organizations for energy production, supply and grid operation under citizens’ control – directly (e.g. cooperative) or indirectly (e.g. controlled by local government)
Gemeinschaftsfinanzierung und -Investitionen 7 Financial aggregation and investment a “community” of investors joins to scale the amount of or manage the investment in generation systems (without further involvement in organisation etc.)
Kooperative Finanzierung von Energie-Effizienz 8 Cooperative Financing of Energy Efficiency citizens jointly investing in efficiency means of SMEs and municipalities, possibly in their own region (e.g. contracting / ESCO, crowd-funding
Gemeinschaftliche Bereitstellung systemdienlicher Leistungen 9 Collective service providers all types of commercial groupings of energy services (e.g. grouping of EV charging stations, aggregation of demand side management services)
Voll-digitale Ausgleichssystem für Erzeugung und Verbrauch 10 Digital supply and demand response systems all types of digitally controlled energy systems (e.g. implemented with blockchain), these days possibly operated as a sandbox-model

Quelle: Bridge Horizon 2020 / Task Force on Energy Communities / Ludwig Karg

Die neuen Strukturen funktionieren dabei nicht autark, sondern sind eng mit den bestehenden Teilen des Energiesystems vernetzt. „Energieversorgung ist ein komplexes Gebiet und die Transformation eines Energiesystems erst recht. Die Eintrittshürden in diesen Markt sind hoch. Um die Bevölkerung für diese Themen zu begeistern, wird viel Knowhow und professionelle Unterstützung benötigt,“ erläutert Karg. Für die bestehenden Energieversorger bedeutet das neue Geschäftsfelder durch die Bereitstellung von Dienstleistungen. Ohne Partner aus Energiewirtschaft, Industrie, Wissenschaft oder Beratung sind die Konzepte der Energiegemeinschaften kaum umsetzbar.

Umsetzung der EU-Vorgaben steht an

Die Debatte um die Energiegemeinschaften hat sich seit der Vorstellung des EU-Legislativpaket „Clean Energy Package“ Mitte 2019 und den Fristen für die Übertragung in die Rechtssysteme der Mitgliedstaaten intensiviert. Dabei unterscheidet die EU zwischen Energiegemeinschaften in Bereich erneuerbare Energien und Bürgerenergiegemeinschaften. Die Richtlinie „Citizen Energy Communities“ (EMD) ist bis 31. Dezember 2020 und die Richtlinie „Renewable Energy Communities“ (RED) bis 30. Juni 2021 in nationales Recht umzusetzen.

Energiegemeinschaften als lokale Inseln 

In der Praxis gibt es bereits in vielen europäischen Ländern Energiegemeinschaften, die als Modellprojekt, mit Förderung oder durch Eigeninitiative entstanden sind. Hier eine kleine Auswahl an  Beispielen:

Niederlande: Schoonschip Amsterdam

Die schwimmende Wohnsiedlung mit 46 Gebäuden hat 100 Einwohner, die sich über Solarenergie in Kombination mit Wärmepumpen versorgen. Die Energiegemeinschaft ist nur an einem Punkt mit dem Netz verbunden.

Schoonschipamsterdam.org

Griechenland: Technology Innovation for the Local Scale Optimum Integration of Battery Energy Storage

Das Projekt auf der griechischen Insel Tilos testet die Kombination eines Batteriesystems und eines Smart Grid in Kombination mit erneuerbaren Energien.

www.tiloshorizon.eu

Österreich: Heimschuh Community storage and peer-to-Peer Trading

Um die Selbstversorgung aus der PV-Anlage zu erhöhen wird ein gemeinsamer Stromspeicher betrieben. Die Bevölkerung ist sehr stark in dieses Projekt von Energie Steiermark eingebunden

https://www.energy-innovation-austria.at

Deutschland: EWS Elektrizitätswerke Schönau e.G.

Die Genossenschaft wurde gegründet, um den Einwohnern einen Ausstieg aus der Kernenergie zu ermöglichen. Heute geht es um CO2-freie Energieversorgung mit Solar, Wind und Biomasse innerhalb der Gemeinde.

https://www.ews-schoenau.de/

 

Über die Mission Innovation Austria (MIA)

Die internationale Konferenz Mission Innovation Austria 2020 wurde aufgrund der Pandemie auf 2021 verschoben. In 2020 werden stattdessen einige aktuellen Frage in Online-Formaten diskutiert.

Hinter der MIA stehen Forschungsinstitutionen aus 24 Staaten und der Europäischen Union mit dem Ziel eine branchen- und sektorenübergreifende Transformation voranzubringen. Die Konferenz findet unter Führung des Österreichischen Bundesministerium für Klimaschutz statt.

www.missioninnovationaustriaweek.at

Gespräch mit der österreichischen Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie Leonore Gewessler:

https://intelligente-welt.de/corona-energiewende-und-innovation-bundesministerin-leonore-gewessler-im-talk/#more-20239

Dokumentation zum MIA-Online-Event: https://nachhaltigwirtschaften.at/en/iea/events/2020/20200423-mia-digital-energy-communities.php

S3C Smartgrid:

https://www.smartgrid-engagement-toolkit.eu/home/

B.A.U.M Consult GmbH:

https://www.baumgroup.de

 

Bildnachweis: Isabel Nabuurs www.isabelnabuurs.nl

Ein Gedanke zu “Akzeptieren und mitmachen: Die Europäische Idee einer Energieversorgung durch Bürger

  1. Pingback: Review of the first MIA Online Event - Mission Innovation Austria Week 2021

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