Energie wird zum Konsumgut

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In einer kleinteiligen dezentralen Struktur wird Energie zum Konsumgut. Damit verändern sich auch die Marktgesetze: Rationalität ist kein alleiniger Grund mehr für die Energiebeschaffung. Aus Abnehmern sind Kunden geworden. Energieversorger müssen auf Trends, Moden und Lifestyle eingehen, wenn sie sich auf diesem Markt behaupten wollen. Das geht am besten durch den Aufbau eines spezialisierten Unternehmens. Ralf Klöpfer, Mitglied des Vorstands, MVV Energie AG sieht die Energiebranche in einem tiefgreifenden Umbruch. Der Umgang mit Energie wird insgesamt emotionaler, Einfachheit und der Spaßfaktor spielen eine zunehmende Rolle. 

In der dezentralen Energiewelt ist ein sehr starkes Wachstum zu beobachten: Von 2010 bis 2013 ist die installierte Leistung bei der dezentralen Erzeugung in Deutschland von 46 auf 76 GW gestiegen. Das ist ein Plus von 65 Prozent in drei Jahren. Aktuell sind die etablierten Versorger kaum an dieser Entwicklung beteiligt. Im gleichen Zeitraum ist der Bereich der zentralen Erzeugung um 7 Prozent geschrumpft. Diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren noch beschleunigen, meint Klöpfer. Insofern geht es darum, die bestehenden Geschäftsmodelle an die dezentrale Welt anzupassen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Die Anzahl der Erzeugungsanlagen in der alten Welt war mit weniger als 500 sehr überschaubar. Dies galt auch für die Eigentümerstruktur. Heute sind wir bei 1,4 Millionen Anlagen, Tendenz weiter steigend. Das sind ganz andere Größenordnungen beteiligter Akteure. Während Politik und Energiewirtschaft über die Energiewende diskutieren, wird sie mit Investitionen aktiv vorangetrieben.

Die Mitte der Gesellschaft hat heute viele Gründe, sich in der Energieversorgung zu engagieren: So spielt natürlich der Anstieg der Energiepreise für Endverbraucher in den letzten Jahren eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig werden Technologien für die Eigenerzeugung immer erschwinglicher. Das gilt auch für dezentrale Speicherlösungen. Zudem gibt es inzwischen sehr günstige Power-to-Heat-Lösungen. Klöpfer: „Hier kommt zum anderen – und das vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Energieversorgung – eine eher irrationale, emotionale Komponente hinzu, die nicht unterschätzt werden sollte: Energieversorgung wird zum Konsumgut. Damit sind plötzlich auch neue Entscheidungsfaktoren im Spiel. Eine Photovoltaikanlage wird beispielsweise nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen angeschafft, sondern um aktiv an der neuen Energiewelt teilzunehmen, wie bereits Freunde, Kollegen oder Nachbarn. Da entstehen Kaufbedürfnisse aufgrund von Trends oder Lifestyle-Aspekten.“ Deshalb sei es so wichtig, den Kunden zu verstehen – nur so ließen sich Chancen nutzen, die sich auf diesem Markt ergeben. Das Thema bewegt die Menschen, entsprechend wachsen Energiecommunities sehr schnell.

 Das vollständige Interview ist in ew 4/2015 erschienen.

https://www.keosk.de/read/KdL38CbJKYEZs/epaper-ew_Magazin_04_%7C_2015